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Die Ankunft des Wandlers

Teil 1 der Progterra-Chroniken

Hier kannst du den Prolog und die ersten drei Kapitel des veröffentlichten Romans kostenlos lesen.

3D-Darstellung der Softcover-Ausgabe von Die Ankunft des Wandlers

Prolog

Ulthara
500 Jahre vor der Triaphata

„Ein wahrlich prächtiger Spieß, den Ihr da mit Euch führt, mein tapferer Recke. Eine kwa‘behlische Ruftulpe, nicht wahr? Doch sagt mir, großer Krieger Ferdinand, was habt Ihr damit vor?“

Ihr Blick wanderte von der Waffe zu seinem Gesicht und dann langsam weiter nach unten.

„Für das Scharmützel, das Euch nun bevorsteht, werdet Ihr vielmehr den Speer in Eurer Hose brauchen. Ich hoffe für Euch, dass Ihr damit ebenso gut umzugehen wisst wie mit der Waffe, die Euch in der Arena zum Sieg verholfen hat.“

Vor Ferdinand lag die schönste Frau, die er sich vorstellen konnte. In diesem Augenblick begehrte er sie mehr als alles andere auf der Welt.

Und gleichzeitig hasste er sie mit einer solchen Inbrunst, dass es ihn innerlich beinahe zerriss.

Er war nur aus einem einzigen Grund durch die Hölle der Arena gegangen, um an diesen Ort zu gelangen.

Er hatte es sich geschworen.

Er würde sie töten.

Eva lag auf der Seite inmitten eines gewaltigen Himmelbettes und stützte den Kopf auf eine Hand. Ihr langes dunkles Haar fiel über die Schulter und breitete sich zwischen den hellen Kissen aus. Ihre Haut war leicht gebräunt, als hätte sie mehr Zeit unter freiem Himmel verbracht als in diesem Turm, und auf Nase und Wangen lagen einzelne Sommersprossen.

Sie musste ungefähr in seinem Alter sein, vielleicht Mitte zwanzig. Für eine Frau war sie ungewöhnlich groß, doch Ferdinand überragte sie noch immer um beinahe einen Kopf. Er selbst war hochgewachsen, schlank und drahtig, mit langen Armen und breiten Schultern.

Evas Gesicht hätte ein anderer vielleicht nicht einmal schön genannt. Die Nase war groß und leicht gebogen, der Mund auffällig breit, die Augen beinahe ein wenig zu groß. Auch ihre Hüften, ihre kräftigen Beine und die wohlgeformten Brüste wirkten, als hätte jemand einige ihrer Merkmale einen Hauch großzügiger gestaltet, als es nötig gewesen wäre.

Für Ferdinand war nichts daran zu viel.

Sie war einfach perfekt, und das war kein Zufall.

Er wusste, dass Eva ihr Aussehen verändern konnte. Menschen, die ihr begegnet waren, beschrieben sie vollkommen unterschiedlich. Manche hatten von einer furchterregenden Kämpferin gesprochen, andere eine eiskalte Herrscherin in ihr gesehen, die Nächsten von einer warmen, vertrauenerweckenden Frau geredet und wieder andere von einer zierlichen Schönheit.

Jetzt begriff Ferdinand, dass Eva ihm genau die Frau zeigte, die ihn allein durch ihr Erscheinungsbild an den Rand des Wahnsinns trieb.

Ihre tiefe Stimme hatte den rauen, warmen Klang, den er mochte. Selbst ihr Geruch, eine Mischung aus frisch gewaschener Haut, seidigem Öl und etwas herb Würzigem, schien ihn auf eine Weise anzusprechen, die ihm unangenehm bewusst war. Jede ihrer Bewegungen wirkte katzenhaft beiläufig und gleichzeitig genau richtig, um ihn zu umgarnen.

Sie trug kaum mehr als eine seltsame Mischung aus Rüstung, Schmuck und sehr knapper Unterkleidung. Metallene Platten bedeckten Schultern und Unterarme, goldene Reifen lagen um Hals und Oberarme, während der Rest ihres Körpers nur von weichem dunklem Stoff verhüllt wurde. Es war die Kleidung einer Herrscherin, einer Kriegerin und einer Frau, die genau wusste, was sie mit einem Mann anstellen konnte.

Das Gemach um sie herum setzte ihren atemberaubenden Anblick perfekt in Szene.

Es nahm beinahe die gesamte oberste Etage des Turms ein. Hohe Fenster gaben den Blick über die Burg, den Graben, die Zugbrücke und das weite Vorfeld frei. An den Wänden hingen exotische Waffen verschiedenster Machart. Zwischen ihnen prangten Gemälde von Schlachten, aufgerissenen Leibern und triumphierenden Kriegern. Direkt daneben zeigten andere Bilder nackte Männer und Frauen in eindeutigen Posen der frivolen Art.

Kostbare Teppiche bedeckten den Boden. Auf Truhen und Tischen standen Kelche, Schmuck, Figuren aus Edelmetall und Schalen voller Früchte. Neben dem Bett türmten sich Felle und Kissen zu einem weichen Berg.

Eva folgte Ferdinands Blick und lächelte.

„Ihr schaut so ernst, mein Held.“ Sie richtete sich langsam auf und ließ die Füße vom Bett gleiten. „In Euren Augen brennt eine bemerkenswerte Leidenschaft. Ich kann nur noch nicht entscheiden, welcher Art sie ist.“

Ferdinand antwortete nicht.

Eva stützte beide Hände hinter sich auf die Matratze und musterte ihn offen.

„Entweder wollt Ihr mich besteigen ...“, sagte sie langsam, und ihr Lächeln wurde breiter. „Oder Ihr wollt mich erschlagen.“

Seine Finger schlossen sich fester um den schwarzen Schaft der Ruftulpe.

Eva bemerkte es.

„Ach, kommt schon. Ihr müsst Euch doch nicht gleich entscheiden.“ Sie klopfte mit einer Hand auf das Bett neben sich. „Fangt doch erst einmal mit dem einen an. Für das andere bleibt später noch genügend Zeit.“

Ferdinand blieb stehen.

Er hatte Wochen darüber nachgedacht, wie er seine Waffe in Evas Nähe bringen konnte. Ihm war in den Sinn gekommen, den falschen Boden in einer Truhe zu nutzen oder einen Diener zu bestechen. Aber am Ende war all die Planung vollkommen überflüssig gewesen. Man hatte ihn geradewegs samt Waffe und Rüstung zu ihr gehen lassen.

Nach seinem Sieg in der Arena hatten Evas Lakaien seine Wunden versorgt. Man hatte ihm zu essen gegeben, ihn baden und mehrere Stunden schlafen lassen. Der lange Schnitt auf seinem Rücken war verbunden worden, ebenso die tiefe Bisswunde an seinem Unterarm.

Nachdem man ihn zurechtgemacht hatte wie einen eitlen Pfau, hatte man ihm seine gesamte Ausrüstung und selbst seine kostbare Waffe zurückgegeben und ihn den Turm hinaufgeschickt.

Niemand hatte gefragt, weshalb ein Mann eine scharfe, unzerbrechliche Speerwaffe in das Schlafgemach seiner Herrscherin mitnehmen wollte.

Eva deutete auf die Ruftulpe. „Nun sagt mir wenigstens, wie ein Mensch aus Turingdor an eine solche Waffe gelangt. Ich habe lange keine kwa‘behlische Arbeit mehr aus der Nähe gesehen.“

Ferdinand sah sie scharf an. „Ihr kennt diese Waffen?“

„Natürlich.“ Eva erhob sich anmutig vom Bett und kam einige Schritte näher. „Und ich habe gesehen, wie Ihr sie in der Arena zu Euch gerufen habt. Sehr hübscher Trick. Also, woher habt Ihr sie?“

Ferdinand schwieg einen Augenblick.

„Von den Kwa‘behl.“

„Das hatte ich bereits vermutet. Aber habt Ihr sie geraubt oder wurde sie Euch geschenkt?“

„Was geht Euch das an?“

Eva hob eine Schulter. „Weil ich wissen möchte, was ein Mensch wie Ihr fernab der heimatlichen Gestade unter ihnen zu suchen hatte.“

Evas Worte erinnerten ihn an seine kleine Heimatstadt in Turingdor. Dort hatte er schon als junger Mann mehr Zeit mit alten Karten, Reiseberichten und halb vergessenen Geschichten verbracht als mit allem, was seine Familie für vernünftig hielt. Der legendäre Kontinent Ulthara galt vielen Menschen seiner Heimat als lächerliches Ammenmärchen. Aber Ferdinand hatte an die Existenz dieses Ortes geglaubt und irgendwann tatsächlich einen Weg über das wilde Meer gefunden.

Die Jahre in Ulthara waren wie im Flug vergangen. Als Vagabund war er umhergereist, hatte gehungert, gearbeitet, gekämpft und Dinge gesehen, für die es in Turingdor keine vernünftigen Namen gab. Schließlich war er auf die Kwa‘behl gestoßen.

Sie hatten ihn aufgenommen, und Ferdinand war geblieben.

„Ich glaube nicht, dass Ihr sie bestohlen habt. Sie haben Euch schließlich sogar die Kunst des Taluk beigebracht“, stellte Eva fest.

Ferdinand runzelte die Stirn.

Sie lächelte. „Ich habe Euch kämpfen sehen.“

Bei den winzigen Kwa‘behl hatte er die Kampfkunst ihrer Tulpenwaffen erlernt. Anfangs hatten seine Lehrer sich noch über den riesigen Menschen amüsiert, der mit ihren Bewegungen nicht zurechtkam. Das Lachen hatte irgendwann aufgehört. Ferdinand erwies sich als begabt und erreichte einen Meisterschaftsgrad, den kaum einer der Kwa‘behl einem Fremden zugetraut hätte.

Am Ende hatten sie ihm in einer feierlichen Zeremonie die Ruftulpe überreicht.

Von ihnen hatte er weit mehr als das Kämpfen gelernt. Sie hatten ihm die Wirkung von Heilmoos gezeigt, ihm den Umgang mit jungen Stachelwölfen beigebracht und ihm erklärt, wie man die Setzlinge der Fasslinden am Leben hielt. Vieles von dem, was er inzwischen über Ulthara wusste, verdankte er ihnen.

Eva ging um ihn herum und betrachtete dabei den Speer.

„Sie haben Euch gut ausgebildet. Euer erstes Gefecht im Turnier wirkte allerdings nicht besonders kwa‘behlisch. Ihr habt eher gekämpft wie ein ... verzeiht mir den Ausdruck ... alter Drecksack.“

Ferdinand wusste sofort, welchen Kampf sie meinte.

„Also dieser Xoxonier“, sagte Eva begeistert. „Was für ein herrlicher Schwertkämpfer. Er war schneller als Ihr, nicht wahr?“

Ferdinand antwortete widerwillig. „Ja, das war er.“

„Und besser als Ihr.“

„Vermutlich.“

„Haha! Aber dann habt Ihr ihm eine Handvoll Sand ins Gesicht geworfen und ihn aufgespießt wie einen räudigen Keiler. Großartig!“

Eva lachte ausgelassen und klatschte in die Hände.

Der Xoxonier hatte ehrenhafter gekämpft, als Ferdinand es verdient hätte, und ihm Zeit gegeben, als er am Boden lag, um sich aufzurappeln. Aber diese Gnade hatte keine Rolle gespielt. Als der Sand seinem Gegner ins Gesicht traf und ihn blendete, hatte Ferdinand die Ruftulpe kurzerhand durch dessen Brust gestoßen.

Schade um ihn, aber es war entweder er oder ich, dachte Ferdinand und zuckte mit den Schultern. Die letzten Wochen hatten ihn hart werden und abstumpfen lassen.

„Danach die drei Ssaruk“, fuhr Eva fort und strich mit einem Finger über den Verband an seinem Rücken. „Die waren enttäuschend. Ich hatte gehofft, sie würden Euch wenigstens ein wenig länger beschäftigen.“

„Einer hat mich erwischt.“

„Ach, das war doch nur ein winziger Schnitt. Das kann doch einen Kerl Eurer Kragenweite nicht umwerfen, habe ich recht?“

Ferdinand knurrte, und Eva zog kichernd die Hand zurück.

„Die beiden Spingenwächter danach waren ebenfalls kaum der Rede wert. Elende Scheusale. Aber der Stachelwolf hat mir gefallen.“

Ferdinands Blick fiel auf den Verband um seinen Unterarm.

Der Stachelwolf hatte ihm am Ende wirklich leidgetan. Die Kwa‘behl zähmten diese Tiere, wenn sie bereits als Jungtiere in ihre Hände gelangten. Der Wolf in der Arena war ausgewachsen und wild gewesen. Seine Zähne hatten sich tief in Ferdinands Arm gebohrt, bevor Ferdinand seinen Dolch in den Hals des Tieres treiben konnte. Der lange Stachel war dabei knapp an Ferdinands Schulter vorbeigefahren.

„Und dann der Gallifant“, frohlockte Eva. „Herrlich.“

Ferdinand schnaubte. „Das war Glück.“

„Natürlich war es Glück. Aber deswegen nicht minder unterhaltsam.“

Der junge Gallifant hätte ihn beinahe zertrampelt. Das gewaltige grauhäutige Tier mit seinen beiden vogelartigen Köpfen war beim Angriff gestürzt und hatte einen seiner Schädel unter dem eigenen Gewicht zerquetscht. Ferdinand hatte nur noch seinen Speer in den zweiten Kopf rammen müssen, und der Kampf war vorbei.

Eva trat wieder vor ihn.

„Und schließlich Gorak.“

Zum ersten Mal veränderte sich ihr Lächeln.

Es wurde beinahe zärtlich.

„Mein großer, starker Ochse Gorak.“

Gorak war ein Urokar gewesen, der größte, den Ferdinand je gesehen hatte. Über drei Meter hoch, mit einem massigen humanoiden Körper und dem Kopf eines gewaltigen Stiers. Ferdinand hatte im Finale länger gegen ihn gekämpft als gegen alle anderen Gegner des Turniers zusammen.

„Er war dumm wie ein Laib Brot“, sagte Eva und legte den Kopf nachdenklich schief, „aber stark wie drei Höhlenbären. Auch sonst hatte er sich als brauchbar erwiesen.“

Sie ließ eine kleine Pause.

„Zumindest meistens.“

Ferdinand sah sie an.

Eva grinste.

„Gorak war nicht nur einer meiner besten Leibwächter. Er hat auch noch andere Dienste für mich verrichtet, und meistens zu meinem vollkommenen Vergnügen.“

Sie trat so dicht an Ferdinand heran, dass ihre Brust beinahe seinen Körper berührte.

„Nun ist sein Platz leider frei.“

„Ihr klingt nicht besonders traurig.“

„Warum sollte ich?“

Eva strich mit einem Finger über seine Brust.

„Ihr habt bewiesen, dass Ihr auf dem Kampfplatz besser seid als Gorak. Nun müssen wir lediglich herausfinden, ob das auch für seine anderen Aufgaben gilt.“

In Ferdinands Kopf drehte sich alles. Dann tauchte für einen Augenblick ein anderes Bild auf.

Ein Dorf. Zerstörte Hütten, zerschlagene Töpfe, Blut im Gras. Kleine Körper, zwischen denen er Gesichter erkannt hatte. Freunde. Lehrer. Gefährten, mit denen er gegessen, getrunken und gestritten hatte.

Ferdinand war an jenem Tag außerhalb der Siedlung jagen gewesen. Als er zurückkehrte, war das Verderben über das friedliche Dorf gekommen.

Nur den alten Sar’nuk hatte er lebend gefunden. Schwer verwundet, aber noch bei Bewusstsein.

Der Alte hatte ihm gesagt, wer das Dorf überfallen hatte.

Eine Schar von Evas Urokar-Kriegern war auf die Siedlung gestoßen, vermutlich auf der Suche nach neuen Attraktionen für die Arena. Sie hatten alles niedergemacht. Männer, Frauen, Alte und auch die Kinder.

An diesem Tag hatte Ferdinand geschworen, die verfluchte Wandlerhexe zu töten.

Auf dem Weg zu ihrer Stadt war er auf ein Lager der Rebellen gestoßen, die ein ähnliches Ziel verfolgten wie er selbst. Die Ssaruk bildeten das Rückgrat des Aufstands gegen Evas Schreckensherrschaft und hatten Völker an einen Tisch gebracht, die sich sonst lieber gegenseitig umbrachten.

Sie hatten ihn für ihre Sache gewinnen wollen, doch er hatte abgelehnt.

Sein Ziel war Eva. Nicht ihre Stadt, nicht ihr Reich und nicht die Freiheit irgendwelcher Völker. Er wollte Rache.

Deshalb hatte er sich für das Turnier gemeldet. Denn dem Sieger winkte die Gunst der Frau mit den vielen Gesichtern.

Eva legte ihm die Hand in den Nacken.

„Ihr seid wieder so weit weg in Euren Gedanken“, sagte sie leise. „Dabei stehe ich direkt vor Euch.“

Ferdinand wollte einen Schritt zurückgehen.

Die Wärme ihrer Hand breitete sich über seinen Nacken aus. Ihr Geruch wurde stärker. Eva zog ihn näher, und Ferdinand spürte, wie sein eiserner Wille, auf den er sich sein ganzes Leben eine Menge eingebildet hatte, Stück für Stück nachgab.

Er begehrte diese Frau. Daran bestand kein Zweifel.

Ihre Stimme traf ihn bis ins Mark. Jede Berührung erreichte die richtige Stelle, noch bevor Ferdinand selbst wusste, dass er sie dort wollte.

Vielleicht setzte sie eine dieser berüchtigten Zehrungen ein. Vielleicht war alles nur ihre besondere Art, Menschen zu lesen und sich ihnen anzupassen.

Manchmal hatte Ferdinand sogar das Gefühl, sie kenne den nächsten Gedanken in seinem Kopf, bevor er ihn selbst zu Ende gedacht hatte.

Dann küsste sie ihn.

Ferdinand ließ die Ruftulpe kraftlos aus der Hand sinken und ließ sich von ihr aufs Bett ziehen.

Wenig später vergaß er völlig, weshalb er hierhergekommen war.

Als Ferdinand wieder klarer denken konnte, nahm er von draußen Lärm wahr. Schreie drangen bis in den Turm. Metall schlug auf Metall, irgendwo krachte Holz, und immer wieder hörte er ein tiefes Dröhnen, das die Bilder an den Wänden erzittern ließ.

Eva lag zwischen den Fellen neben ihm.

„Was für ein Krach“, murmelte sie verärgert und setzte sich auf.

Sie erhob sich nackt vom Bett, ging zu einem der hohen Fenster und zog den schweren Vorhang zur Seite.

Für einen Augenblick stand sie reglos dort.

Dann begann sie zu lachen.

„Sieh an, sieh an. Das wird ja doch noch ein unterhaltsamer Abend.“

Ferdinand zog seine Kleidung über und trat neben sie.

Von hier oben konnte er weit über die Burg sehen.

Das Heer der Rebellen hatte die Festung angegriffen.

Die äußeren Verteidigungsanlagen waren an mehreren Stellen bereits gefallen. Vor der Zugbrücke brannten zwei hölzerne Türme. Auf den Mauern kämpften Evas Urokar-Soldaten gegen Angreifer, die über Leitern und Seile nach oben drängten. Der Burggraben war voller Körper und zerbrochener Geräte.

Auf der Zugbrücke schob sich eine große Masse von Ssaruk vorwärts. Ihre Waffen bildeten über ihren Köpfen ein Gewirr aus Klingen, Speeren und Schilden. Urokar stemmten sich ihnen entgegen. Die riesigen Krieger hielten die Engstelle mit brutaler Kraft, doch inzwischen kämpften auch einige Angehörige ihres eigenen Volkes aufseiten der Rebellen.

Ferdinands Blick sprang über das Schlachtfeld.

Fünf oder sechs Kwa‘behl saßen auf dem Rücken eines gewaltigen Stachelwolfs. Sie hatten sich mit Gurten und Seilen am Tier befestigt und feuerten während des Ritts kleine Geschosse aus ihren Blasrohren auf die Verteidiger.

Ferdinand trat dichter ans Fenster.

Zwischen den Angreifern bewegten sich hagere blaue Gestalten mit langen roten Krallen. Weiter hinten sah Ferdinand ein dickleibiges, echsenartiges Wesen mit einer langen Rüsselschnauze, das sich durch eine Barrikade wühlte. Über all dem kreiste ein riesiger weißer Bär mit weit ausgespannten, breiten Flügeln. Immer wieder stieß er herab, schlug mit seinen Pranken nach einem Urokar, zog dann erneut hoch und schien mit seinen Bewegungen Signale an einzelne Gruppen zu geben.

„Sieh dir das an. Sie haben einen Urquila!“, sagte Eva begeistert.

Unten wurde ein Urokar von mehreren Ssaruk zu Boden gerissen. Zwei weitere Verteidiger versuchten, ihn freizukämpfen, und verschwanden Sekunden später unter der Menge.

Eva klatschte einmal in die Hände.

„Wunderbar.“

Ferdinand sah sie an. „Aber ... das waren Eure Kämpfer.“

„Na und?“

„Sie sterben dort unten.“

„Selbst schuld. Aber seht ...“

Eva beugte sich aus dem Fenster, um einen besseren Blick zu bekommen.

„Dieser Ssaruk dort links ist gut. Seht Ihr ihn? Der mit den zwei Klingen. Oh. So ein Pech.“

Der Ssaruk verschwand unter dem Hieb eines Urokar.

Eva verzog enttäuscht den Mund.

„Schade.“

Ferdinand starrte sie an. „Macht Ihr Euch überhaupt keine Sorgen?“

Nun sah sie zu ihm.

„Worüber?“

„Die Rebellen haben fast die Burg erreicht.“

Eva lachte erneut.

„Ferdinand, wenn ich wollte, könnte ich diesen läppischen Aufstand mit einer einzigen Handbewegung beenden.“

Sie wandte sich wieder dem Fenster zu.

„Aber warum sollte ich das tun? Seit Monaten ist in dieser langweiligen Burg nichts Interessantes passiert. Jetzt kommen sie endlich alle zu mir.“

Unter ihnen brach ein Teil der hölzernen Verteidigung zusammen.

Eva beobachtete das Chaos mit leuchtenden Augen.

„Ein kleines Gemetzel nach dem Liebesakt ist doch herrlich erfrischend. Was will man mehr?“

Sie lachte und wandte sich wieder dem Fenster zu.

Ferdinand hörte dieses Lachen und sah wieder das Kwa‘behl-Dorf vor sich: den Körper seines Lehrers, die abgebrannten Fasslinden und den alten Sar’nuk, der kaum noch genug Atem gehabt hatte, um Evas Namen auszusprechen.

Dann sah er die Kwa‘behl auf dem Stachelwolf, die sich unten durch das Gedränge kämpften.

Und schließlich dachte er daran, was gerade zwischen ihm und Eva geschehen war.

Er hatte sich geschworen, sie zu töten.

Stattdessen hatte sie mit ihm gespielt, ihn verführt und ihn dazu gebracht, seinen Racheschwur für eine Weile zu vergessen.

Etwas in ihm riss.

Er hob die Hand.

Die Ruftulpe lag mehrere Schritte entfernt neben dem Bett, und er rief sie.

Der schwarze Speer schoss durch das Gemach und schlug mit vertrauter Wucht in seine Hand.

Eva drehte gerade den Kopf, als Ferdinand angriff.

Er zielte hoch, verlagerte das Gewicht und ließ die Ruftulpe in einer einzigen sauberen Taluk-Bewegung herumfahren. Der Schlag war schnell genug, einen unvorbereiteten Gegner zu enthaupten, bevor dieser begriff, dass der Angriff begonnen hatte.

Eva wich nicht aus.

Sie hob nicht einmal die Arme.

Die silberne Tulpenklinge raste auf ihren Hals zu, aber direkt vor ihrer Haut stoppte die Waffe abrupt.

Ferdinand hatte das Gefühl, gegen eine Steinwand geschlagen zu haben.

Die gesamte Wucht des Hiebs fuhr zurück in seine Hand. Seine Finger brannten, das Handgelenk knickte zurück, und der Schmerz schoss durch Unterarm und Schulter. Ferdinand taumelte einen Schritt zur Seite.

Eva stand gelassen da und hob eine Augenbraue. Sie sah erst die Klinge an und dann Ferdinand.

Dann begann sie gönnerhaft zu lachen.

„Oh, Ihr meintet es wirklich ernst.“

Ferdinand hob die Ruftulpe erneut an.

Eva drehte ihm den Hals hin.

„Noch einmal?“

Er holte Luft.

Eva schnippte mit den Fingern.

Die Ruftulpe wurde Ferdinand aus den Händen gerissen.

Seine Finger wurden mit solcher Gewalt auseinandergerissen, dass er im ersten Moment glaubte, mehrere davon seien gebrochen. Der Speer flog quer durch das Gemach und verschwand in dem großen Haufen aus Kissen und Fellen neben dem Bett.

Ferdinand rief sofort nach seiner Waffe.

„Zu mir!“

Nichts geschah.

Er rief erneut.

Die Ruftulpe bewegte sich nicht.

Das war unmöglich.

Seit der Bindung hatte die Waffe jeden Ruf beantwortet. Entfernung spielte kaum eine Rolle. Sie hätte sich aus einem Schlammloch, aus einem Gebüsch oder aus den Händen eines Gegners gelöst und wäre zu ihm zurückgekehrt.

Jetzt lag sie wenige Schritte entfernt in einem Kissenhaufen und gehorchte ihm nicht.

Eva legte eine Hand vor den Mund.

„Was ist denn, großer Krieger? Will Euer kleiner Stecken nicht zurückkommen?“

Ferdinand konzentrierte sich erneut auf die Waffe.

Keine Bewegung.

Eva deutete auf die Kissen.

„Na los, Hündchen. Hol brav dein Stöckchen.“

Sie lachte über seinen Gesichtsausdruck.

„Oder wollt Ihr schon aufgeben?“

Ferdinand stand mit tauben Fingern vor ihr und wusste nun, dass jeder Plan, den er in den vergangenen Wochen gemacht hatte, bedeutungslos gewesen war.

Er hätte Eva niemals töten können.

Eva setzte bereits zu einem weiteren Spott an.

„Oh, jetzt ist das Hündchen böse. Was macht ... ahhh!“

Urplötzlich schrie sie auf, und ihr Gesicht verzog sich.

Sie zuckte heftig zusammen und riss beide Hände an den Kopf.

Ein erneuter Schrei brach aus ihrer Kehle.

Diesmal war nichts Spielerisches darin.

Sie stolperte zurück und stieß gegen den Fensterrahmen.

„Verdammt ... was ist das?“

Ihre Augen bewegten sich hektisch. Sie blickte knapp an Ferdinand vorbei, dann nach rechts, dann wieder nach vorn. Ihr Blick blieb immer wieder an Stellen hängen, an denen nichts war.

„Was ist hier los?“

Ferdinand rührte sich nicht.

Eva streckte eine Hand in die leere Luft. Ihre Finger zuckten, als versuche sie etwas zu berühren, das Ferdinand nicht sehen konnte.

All ihre Selbstsicherheit war verschwunden.

Zum ersten Mal seit er ihr begegnet war, sah Ferdinand echte Verwirrung in ihrem Gesicht.

Dann wurde daraus pure Angst.

„Nein ... nein! Nein!“

Sie machte erneut eine Bewegung mit der Hand.

Nichts geschah.

„Nein, nein.“

Eva sah zur Tür.

„Ich muss hier raus.“

Sie setzte sich in Bewegung.

Die ersten Schritte waren noch schnell. Dann wurde sie langsamer.

Eva blieb kurz stehen, riss ein Bein nach vorn und zwang sich weiter. Es sah aus, als würde jeder Schritt plötzlich ein Vielfaches ihres Gewichts tragen.

„Was ...“

Ihre Stimme brach ab.

Ferdinand sah die Veränderung zuerst an ihrer rechten Hand.

Die Haut verlor ihren natürlichen Glanz. Sie wurde stumpf und hart. Die Finger, die sich eben noch bewegt hatten, versteiften sich mitten in der Bewegung.

Eva starrte darauf.

Sie versuchte, die Hand zu schließen.

Es gelang ihr nicht.

Die Veränderung kroch den Unterarm hinauf.

„Nein!“

Eva zog an ihrem Arm, als könnte sie die Erstarrung abschütteln. Gleichzeitig veränderte sich ihr anderes Bein. Die Haut wurde fest und die Bewegung stockte.

Ferdinand stand reglos am Fenster.

Eva riss den Oberkörper herum. Ihre Augen suchten erneut die leere Luft vor ihr. Die hektischen Bewegungen wurden langsamer.

Die Härte breitete sich über Schultern und Brust aus. Alles schien zu derselben festen, kalten Oberfläche zu werden.

Dann erreichte die Erstarrung ihren Hals.

Ihr Kopf bewegte sich noch einmal ruckartig.

Die großen Augen fanden Ferdinand.

Für einen Moment glaubte er, sie wolle etwas sagen, dann verharrte sie vollkommen reglos.

Ferdinand wartete.

Von draußen drang weiterhin das Getöse der Schlacht herein.

Er traute ihr nicht.

Vielleicht war das ein Schutzzauber. Eine weitere ihrer Fähigkeiten. Vielleicht war diese Schwäche nur gespielt. Sie wollte ihn reinlegen und würde ihn im nächsten Augenblick wieder auslachen.

Ferdinand hob die schmerzende Hand in Richtung des Kissenhaufens.

„Zu mir.“

Diesmal reagierte die Ruftulpe sofort.

Die Kissen flogen auseinander. Der schwarze Speer schoss quer durch das Zimmer und landete so hart in seiner Hand, dass Ferdinand beinahe den Griff verlor.

Er starrte die Waffe an.

Dann ging er auf Eva zu.

Er setzte die Spitze der Ruftulpe gegen ihre Seite und stieß zu.

Ein hartes Schaben ging durch den Raum, als das Metall über die erstarrte Oberfläche glitt. Die Spitze hinterließ einen hellen Kratzer, drang aber nicht ein.

Eva bewegte sich nicht. Was war mit ihr geschehen? War sie tot? Hatte irgendein dunkler Zauber sie getötet? Hatte er es am Ende doch irgendwie geschafft, seinen Schwur zu erfüllen?

Im Treppenhaus unterhalb des Gemachs erklangen plötzlich Rufe.

Kampflärm drang zu ihm herauf.

Schwere Schritte polterten die Stufen hinauf. Metall schlug gegen eine Tür, Holz splitterte, und irgendwo dicht unter ihm schrie ein Mann einen Befehl. Er hatte wenig Verlangen nach einem Kampf mit den Leibwächtern Evas und wollte ebenso wenig dem von der Schlacht aufgepeitschten und blutgierigen Rebellenmob in die Hände fallen. Er musste hier weg.

Ferdinand zog die Ruftulpe zurück, griff nach dem Rest seiner Ausrüstung und hastete aus dem Gemach.

1. Corky Baker

London
22.5.2030

Corky hämmerte mit seinen schwieligen Fingern auf die Tastatur ein. Die Luft im Wagen war unangenehm warm und stickig. Er lehnte sich ächzend auf dem viel zu kleinen Stuhl zurück und wischte sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn.

Er konnte es nicht genau benennen, aber dieser Auftrag machte ihn nervös.

Eigentlich war alles wie immer. Er und Nick saßen eingepfercht in seinem klapprigen Lieferwagen und warteten auf den richtigen Moment. Corky machte den letzten Systemcheck, während Nick seine Ausrüstung überprüfte.

„Aber warum, verdammt nochmal, fühlte es sich heute so an, als würde irgendetwas schiefgehen...“, fragte sich Corky zum wiederholten Mal.

„Ist doch alles bloß Routine“, versuchte er sich einzureden. „Wie jeder andere Auftrag auch.“ Meist ging es bei ihren Jobs um ein bisschen Industriespionage hier, ein paar abfotografierte Pläne dort, heute vielleicht um einen offenen Aktenschrank und morgen um einen Serverraum. Danach übergaben sie die Ware, kassierten das Geld und machten Feierabend. Einfach rein und raus.

Aber diesmal fühlte es sich anders an. Zumindest für Corky. Nick hingegen schien Corkys Besorgnis nicht zu teilen und verhielt sich nicht anders als sonst. Der Junge war wie immer aufgekratzt, aber konzentriert und bereit, jeden Moment aus der Seitentür zu springen und mit seinen Nick-Sachen loszulegen.

Die Sicherheitssysteme vor Ort machten Corky keine großen Sorgen mehr. Zumindest jetzt nicht mehr. Vor zwei Tagen war das noch ganz anders gewesen, da hatte er sich die nicht mehr vorhandenen Haare gerauft und war kurz davor gewesen, seinen dreitausend Pfund teuren Laptop in die Ecke zu schmeißen.

Die verdammte Abschottung der internen Server dieser seltsamen Firma mit dem hochtrabenden Namen Cognivia Research Labs hatte ihn drei schlaflose Nächte gekostet.

Er hatte es über die üblichen Wege versucht: alte VPN-Zugänge, falsch konfigurierte Subdomains, vergessene Admin-Panels, sogar ein sauber gebautes Phishing gegen einen Wartungsdienstleister. Nichts davon hatte funktioniert.

Schließlich hatte Corky auf die eine Schwachstelle zurückgegriffen, die am Ende immer nachgab und sich auf die Angestellten der Firma konzentriert.

Also hatte er begonnen, Businessprofile zu durchforsten, Vortragsankündigungen, alte Konferenzfotos, Teamseiten, Karrierenetzwerke und alles, was Angestellte großer Firmen so ins Netz warfen, weil sie unbedingt zeigen mussten, wie wichtig sie waren. Bei Cognivia Research Labs fand er mehr davon, als ihm lieb war. Namen, Positionen, Projektzuordnungen, interne Titel, manchmal sogar Fotos von Ausweisen, die halb verdeckt an einem Hemd oder Blazer baumelten.

Corky ließ auf seiner Beutesuche die ganz großen Tiere im Cognivia-Gehege links liegen. Vorstände und Chefentwickler waren zu gut abgeschirmt. Deren Geräte waren in der Regel gut verschlüsselt und überwacht. Corky interessierten die Leute darunter. Hoch genug, um an brauchbare Zugänge zu kommen. Niedrig genug, um noch selbst ihren verdammten Laptop mit nach Hause zu nehmen und sich einzubilden, ein ausgefuchstes Passwort und ein Aufkleber über der Webcam würden sie vor jeglichem digitalen Unheil schützen.

Nach ein paar Tagen hatte er einen Kandidaten sondiert. Harry Gallagher. Technische Abteilung, erweitertes Projektumfeld, gelegentliche Schnittstelle zu internen Wartungssystemen. Kein Spitzenmann, aber jemand, der Türen öffnen konnte, wenn man wusste, welche Klinken man anfassen musste. Noch besser war, dass der Mann offenbar ein Privatleben hatte, regelmäßige Wege, eine feste Adresse und eine ziemlich langweilige Abendroutine.

Also hatte Corky Nick losgeschickt.

Und dieser tat, was er am besten konnte. Er wartete auf den richtigen Zeitpunkt, verschwand in der Dunkelheit, brach über die Terrasse und zwanzig Minuten später lag Gallaghers Laptop auf Corkys Tisch. Er hatte das Ding angeschlossen und staunend festgestellt, dass die Festplatte nicht verschlüsselt gewesen war.

Er kopierte alles herunter, was er bekommen konnte. Sammelte Zugangsdaten, Sitzungsreste, Zertifikate, interne Verknüpfungen, Krümel von Berechtigungen und all das Zeug, das ein ordentliches System eigentlich nie zusammen auf einem Gerät liegen haben sollte. Es war nicht der goldene Generalschlüssel zu Cognivia. Nicht einmal annähernd. Aber es war der erste brauchbare Riss in der Mauer.

Wichtig war nur, dass niemand merkte, dass es diesen Riss gab.

Deshalb hatte Nick den Laptop noch in derselben Nacht zurückgebracht. Keine sichtbaren Einbruchsspuren, kein verschwundenes Gerät, kein panischer Mitarbeiter am nächsten Morgen, der IT-Abteilung meldete, dass ihm etwas abhandengekommen war. Der Mann würde seinen Rechner aufklappen, Kaffee trinken, Mails lesen und nicht den leisesten Schimmer davon haben, dass Corky inzwischen in seinen digitalen Taschen gewühlt hatte.

Danach besaß Corky endlich genug Passwörter, Zugriffsrechte und Insiderwissen, um sich an Cognivia heranzuarbeiten, ohne sofort wie ein Leuchtsignal im System aufzutauchen. Er bekam grundlegende Kontrolle über Teile der Kameras. Er lernte die Routen des Wachpersonals. Er konnte einzelne Lüftungssysteme ansprechen und hatte endlich brauchbare Pläne des Gebäudekomplexes.

Es gab allerdings auch Teile der Anlage, die Corky weiterhin verschlossen blieben, da die Sicherheitsstufe von Gallagher hier scheinbar nicht hoch genug war.

Aber für das, was sie vorhatten, musste es reichen.

Er konnte Nick sicher genug hineinführen. Er wusste, welche Flure er meiden musste, wann die Wachleute ihre Runde drehten, welche Kameras er kurz ausblenden konnte und wo es wahrscheinlich etwas gab, das für „Mrs. Smith“ interessant genug war. Nick musste vor Ort aufzeichnen, mitnehmen und einsammeln, was verwertbar aussah. Corky würde ihn durch die Anlage lotsen, ihm den Rücken freihalten und dafür sorgen, dass sie beide rechtzeitig wieder verschwanden.

So lautete jedenfalls der Plan.

Während Corky erneut überprüfte, ob er weiterhin Zugriff auf alle wichtigen Systeme der Firma hatte, musste er an diese geheimnisvolle Auftraggeberin denken.

Tief in seinem Innersten hatten sich bereits die ersten Alarmglocken geregt, als Corky die erste Begegnung mit der sogenannten „Mrs. Smith“ gehabt hatte. „Was für ein lächerlich klischeehafter Deckname“, dachte Corky nicht zum ersten Mal.

Das Treffen hatte in Flughafennähe im Londoner Distrikt Hounslow stattgefunden.

Ein kleines Diner mit dem klangvollen Namen „The Copper Spoon“ bot den Rahmen für das Meeting, das zuvor über geheime Kanäle im Darknet ausgemacht worden war. Sie kam natürlich zu spät, also war ihm nichts anderes übrig geblieben, als sich die Zeit mit zwei Burgern nach Art des Hauses zu vertreiben. Als sie dann in das Diner rauschte, schlank, mit hübschen Beinen, engem Bleistiftrock, modernem Businessblazer und einer Kurzhaarfrisur, die aussah, als würde sie gleich verlangen, sofort mit dem Vorgesetzten zu sprechen, hatte er sofort diese heiße Milf aus Breaking Bad im Kopf. Jene aalglatte Geschäftsfrau, die Walter White und Jesse Pinkman irgendwann in den späteren Staffeln ermöglichte, ihren Stoff auch in Europa auf den Markt zu bringen. Die war ähnlich heiß und zugleich furchterregend. Wie hieß die noch? Lilly? Lynn? Lauren? Nein ...

Er grübelte noch, ganz in Gedanken versunken, wie die Frau aus der Serie hieß, als sich sein Geschäftsdate zu ihm an den Tisch setzte und leise fragte: „Mister, äh ... Baker?“

Obwohl bereits nach den ersten Minuten ihres Gesprächs sein innerer Virenscanner Alarm geschlagen hatte, war das Angebot dieser weiblichen Advokatin des Teufels, wie er sie insgeheim getauft hatte, zu verlockend gewesen, um es abzulehnen.

Dreissigtausend Pfund für den Auftrag und noch einmal denselben Betrag, sollten die Informationen, die er ihr besorgen konnte, ihren Auftraggeber „besonders erhellen“, wie sie es geschwollen ausgedrückt hatte. Das war eine Menge Geld, und das konnte er gerade sehr gut gebrauchen. Der kleine Boxclub, den er betrieb, war alles andere als lukrativ und in letzter Zeit ziemlich in die Jahre gekommen. Außerdem wollten die coolen Kids von heute nicht mehr boxen, sondern dieses hirnrissige Mixed Martial Arts machen. Das war doch alles Bullshit. Boxen war für ihn die wahre Königsdisziplin des Kampfsports.

Corky hatte nie viel von dem Geld ausgegeben, das er mit seinen Spezialaufträgen verdiente. Irgendwann hatte er genug zusammengespart, um sich den kleinen Boxclub in einer ehemaligen Metallfabrikhalle in Southall zu kaufen. Nach einer recht passablen eigenen Boxkarriere konnte er als Betreiber des „Baker’s Ironworks Gym“ in die Rolle des Trainers, Talentförderers und Mentors schlüpfen, ohne wieder selbst in den Ring steigen zu müssen.

Der Laden brachte kaum etwas ein. Vielmehr war der Club wie ein nimmersatter Vielfraß, der jeden Monat mehr Geld verschlang. Doch das war es Corky wert, denn das Gym machte ihn glücklich. Und solange er genug Hackeraufträge an Land zog, konnte es aus seiner Sicht immer so weitergehen.

Corky war Hacker und ein wahres Schwergewicht des digitalen Untergrunds. Er hatte schon alles angefasst, was sich aus der Ferne angreifen ließ, ob Firmenserver, verschlossene Kundendaten, veraltete Buchhaltungssysteme oder schlecht programmierte Cloudspeicher. Er fand die Stellen, an denen Menschen bequem wurden: vergessene Wartungszugänge, schlecht getrennte Backups, alte Rollenrechte und Logins, die nie hätten aktiv bleiben dürfen.

Aber irgendwann stieß auch Corky an Grenzen. Es gab Aufträge, bei denen man nicht nur im Schatten der Glasfaser existieren konnte. Manche Dinge ließen sich nicht herunterladen oder digital manipulieren. Manchmal brauchte man echte Hände und echte Füße.

Und genau dann kam Nick ins Spiel.

2. Infiltration

Corky tippte die letzten Befehle ein, wischte sich mit dem Unterarm eine Schweißperle von der Stirn.

„So“, murmelte er, „Kameras sind bereit zum Schlafen. Die Bewegungsmelder sind überbrückt. Die Wachen drehen exakt dieselben Runden wie im Protokoll.“

Er sah zur Seitentür des Vans. Nick war bereits halb ausgestiegen, hatte den Rucksack geschultert und die Kapuze tief ins Gesicht gezogen.

„Bist du so weit?“, fragte Corky und schob ihm das Headset hinüber. „Wenn ich dir das Go gebe, hast du exakt zweiundfünfzig Sekunden, bis der erste Zyklus wieder anläuft. Erst der Zaun, dann die ostseitige Wand, dann der Versorgungsschacht. Alles klar?“

Nick steckte sich das In-Ear ins Ohr, überprüfte das kleine Mikro am Kragen, dann den Sitz der winzigen Schulterkamera, und gab ein knappes Zeichen.

„Easy, Corky, easy. Hab den Ablauf im Kopf. Hab’s doch schon dreimal rauf und runter gebetet.“

„Ja, ja“, brummte Corky. „Sag’s trotzdem noch mal.“

Nick seufzte, aber er tat es. „Na gut, du Quälgeist. Ich weiß zwar nicht, was diese Schwarzmalerei soll. Ist doch ’n Auftrag wie jeder andere auch, oder? Aber was soll’s. Also, ich wiederhole: Ich gehe über den Zaun, lande auf dem Mittelstreifen, klettere die Fassade hoch bis zum vierten Stock, steige in den Lüftungsschacht, krieche bis zum Gitter bei Gang B-12, löse das Ventilgitter, steige dort raus, gehe durchs Treppenhaus bis zur untersten Etage, suche den Kellerzugang und dringe ein. Ab da freestyle. Ich fotografiere alles, was ich sehe und du nicht hochauflösend über den Stream mitschneiden kannst. Bilder von auffälligen Laborinstallationen haben Vorrang. Sekundärziele sind Dokumente, die das Kürzel LT enthalten. Dann den gleichen Weg wieder raus. Maximale Aufenthaltsdauer vierunddreißig Minuten. Hab ich was vergessen?“

„Nein“, sagte Corky. „Alles korrekt. Ich bekomme Bild und Ton einwandfrei rein. Und bei dir? Headset sitzt? Hörst du mich?“

„Laut und deutlich. Hab ich dich eigentlich schon gefragt, was auffällige Laborinstallationen sein sollen?“

„Ja, haste“, sagte Corky. „Ich glaube, jetzt bereits zum vierten Mal. Und ich kann dir auch gleich wieder antworten. Ich weiß es nicht. Das ist exakt die Umschreibung, die die mysteriöse Mrs. Smith erwähnt hat. Ich denke, sie weiß selbst nicht genau, was sie sucht. Aber ich glaube, das sollte uns am wenigsten beunruhigen. Halt einfach nach allem Ausschau, was merkwürdiger aussieht als die normalen Dinge in Firmengebäuden wie diesem, okay?“

„Alles klar, Corky. Ich mach meine kleine Fotosafari, du lotst mich durch, und in zwei Stunden sitzen wir im Maxwell und kippen uns ein paar Pints hinter die Binde. Also, was soll schon groß schiefgehen?“ Nick grinste und tippte sich an die dunkle Mütze. „Gib mir dein Go, wenn du bereit bist.“

Corky lehnte sich zurück, ließ die Finger über die Tasten gleiten und beobachtete die Statusanzeigen, die in gleichmäßigen Intervallen über den Bildschirm liefen.

„Okay, mein Freund“, sagte er in einem Ton zwischen Routine und Unbehagen. „Auf mein Zeichen geht’s los. Kein Heldentum, kein Quatsch. Rein, raus, und wenn alles gutgeht, zahl ich die erste Runde.“

Nick stellte sich in den Windschatten des Vans, beugte sich leicht vor und machte sich bereit für den Sprint.

„Dann sag’s einfach“, murmelte er.

Corky hob die Hand, sah auf den Bildschirm und wartete auf den nächsten Impuls der Wachroute.

„Achtung ... drei ... zwei ... eins ... los.“

Nick atmete einmal tief ein, zog die Kapuze tiefer ins Gesicht und schob die Finger in die dünnen Kletterhandschuhe, die sich eng wie eine zweite Haut um seine Gelenke legten. Dann rannte er los.

Der Maschendrahtzaun ragte zwei Meter über ihm auf, doch er bremste nicht. Nach zwei Schritten sprang er ab, hakte die Hände ein und ließ sich vom eigenen Schwung nach oben tragen. Die Spitze des Zauns glitt unter seinen Fingerspitzen vorbei. Nick zog sich hoch, setzte den Fuß auf den Quersteg und ließ sich auf der anderen Seite abrollen, ohne ein Geräusch zu verursachen.

„Bin drüber“, flüsterte er.

„Hab’s gesehen“, antwortete Corky. Auf seinem Bildschirm wippte der Livestream aus Nicks Schulterkamera im Rhythmus von dessen Laufbewegungen auf und ab. „Bewegungsmelder sind weiterhin offline. Du hast drei Minuten, dann wacht der Kram wieder auf.“

Nick drückte sich an die Wand des Versorgungsschuppens und atmete tief durch. Über ihm ragte die Ostfassade des Gebäudes auf, grauer Beton mit einer Reihe geschlossener Fenster, zwischen denen nur die schmalen Fugen der Paneele zu erkennen waren.

„Seil jetzt“, sagte Corky leise, aber drängend.

„Fuck, Corky, komm runter. Erklär mir nicht meinen Job. Konzentrier du dich auf deinen Scheiß und ich auf meinen, okay?“, zischte Nick angespannt zurück.

„Okay, Nicki. Easy. Ich halt ja schon das Maul“, kam es beschwichtigend von Corky, der genau wusste, dass Nick jetzt jede Konzentration brauchte.

Nick zog die kompakte Seilpistole aus der Halterung an seinem Oberschenkel. Das Gerät wirkte unscheinbar und war in mattem Schwarz gehalten, kaum größer als eine elektrische Nietenpistole, aber mit genug Druck, um einen Greifkopf zwanzig Meter weit zuverlässig zu setzen. Er überprüfte das eingehakte Karabinerseil, atmete einmal durch und hob die Pistole an. Ein kurzer Druck auf den Abzug genügte.

Statt eines Schusses ertönte nur ein leises Pfft, gefolgt von einem kaum hörbaren metallischen Klonk, als der Greifkopf am Wartungsgitter über ihm einrastete. Der Führungsmagnet zog ihn an die richtige Stelle, dann spreizten sich zwei Klauen im Gitter und verkeilten sich zwischen den Schlitzen. Erst als Nick Zug auf das Seil gab, rastete der Kopf endgültig fest.

Nick testete zweimal den Halt, spürte die Sicherheit in der Spannung und begann dann, an der Fassade hochzusteigen.

Er kletterte gleichmäßig und fast lautlos. Seine Füße fanden Halt an den Paneelfugen, seine Hände arbeiteten präzise, ohne dass er einen Millimeter verschenkte. Nach sechs Metern hielt er inne, drückte sich an die Fassade und sah nach unten.

Zwei Wachleute überquerten gerade den Hof, die Schultern hochgezogen gegen den Wind. Nick blieb reglos.

„Alles gut“, murmelte Corky. „Die gehen gleich wieder Richtung Westtor. Weiter.“

Nick kletterte weiter, bis er das vierte Stockwerk erreicht hatte.

Dort saß ein Lüftungsschacht, kaum breiter als seine Schultern, mit einem verschraubten Metallgitter davor.

Er fixierte das Seil, lehnte sich dagegen und holte den Mini-Akkuschrauber aus der Tasche. Es waren nur vier Schrauben. Er drehte sie langsam heraus, hielt das Gitter mit dem Knie fest, damit es nicht klapperte, und zog es schließlich zur Seite.

„Corky, Lüfter bitte.“

„Einen Moment ...“ Nick hörte leises Tastengeklapper in seinem In-Ear. „Jetzt.“

Der tief sitzende Motor im Inneren des Schachts verstummte.

Nick wartete einen Herzschlag, dann zog er sich hinein, drückte den Körper eng zusammen und kroch vorsichtig vorwärts. Der Schacht war warm und roch nach Staub und Metall.

„Du bist gleich durch“, kam es von Corky. „Lüfter schalte ich in fünfundzwanzig Sekunden wieder frei. Mach hin, Junge.“

Nick kroch schneller. Nach acht Metern bog der Schacht nach unten ab und endete in einem Servicegitter, das in ein kleines Büro führte. Die Lichter dort waren gedimmt, die Schreibtische leer, nur ein Monitor blinkte im Stand-by. Nick löste das Gitter vorsichtig, schob es nach innen und glitt geräuschlos hinunter. Seine Füße landeten auf Teppichboden.

„Bin drin.“

„Alles klar“, sagte Corky. „Die Wachroute läuft von Gang C bis B-12. Die beiden Wachleute auf deiner Ebene sind gerade am Getränkeautomaten. Du hast ein Fenster von knapp zwei Minuten.“

Nick schlich zum Türspalt, lugte hinaus und wartete, bis die Stimmen des Wachpersonals leiser wurden. Dann glitt er in den Flur, bewegte sich in den Schatten entlang der Wand und steuerte das Treppenhaus an.

Drei Stockwerke tiefer führte ein langer Gang zu einer dicken Sicherheitstür mit einem hellblauen Panel daneben.

Er versuchte es zuerst mit dem Universal-Chip, den Corky mit den Zugangsdaten von Gallagher präpariert hatte, aber das Panel reagierte nicht.

„Corky, kannst du was machen?“

„Moment ... ich probier’s.“

Nick biss sich ungeduldig auf die Lippen. Nach einer gefühlten Ewigkeit meldete sich Corky endlich wieder.

„Negativ. Das Ding ist komplett isoliert. Da komm ich nicht rein.“

Nick presste sich in eine Nische neben einem Versorgungsschrank und lauschte. Er hörte gemächliche Schritte.

Ein Mann im weißen Kittel kam den Gang hinunter, den Ausweis am Band und eine Thermotasse in der Hand. Er wirkte müde, als hätte er die halbe Nacht in einem Kellerlabor verbracht.

Der Mitarbeiter gab den Code ein. Das Panel piepte zweimal, und die Tür glitt lautlos auf. Nick nutzte die Bewegung, schlüpfte direkt hinter dem Mann hindurch und verschwand auf der anderen Seite hinter einem Serverrack, bevor die Tür wieder zufiel.

„Bin durch. Hatte ’nen Helfer“, hauchte er, sobald der Mann im Kittel ein paar Schritte entfernt war.

„Ja, hab ich gesehen. Wofür Nerds nicht alles gut sind“, sagte Corky flüsternd.

Nick blieb noch einen Moment reglos hinter seiner Deckung kauern und spähte dann vorsichtig hinaus. Der Gang weitete sich zu einem Rechenzentrum. Links und rechts reihten sich mannshohe Serverracks aneinander, jede Einheit mit einem Dutzend Statusleuchten, die im schwachen Neonlicht schimmerten und blinkten. Ein gleichmäßiges Brummen erfüllte den Flur. Es war warm, und die trockene Luft kratzte in Nicks Hals. Es roch nach Staubfiltern, Ozon und einem Hauch von Desinfektionsmittel.

Der Mann im Kittel trottete weiter vor ihm her, ohne sich noch einmal umzudrehen. Er schlurfte eher, als dass er ging, die Schultern leicht nach vorne gekippt, den Blick auf ein Tablet geheftet, das er mechanisch bediente. Nick war sich nicht sicher, ob der Typ tief in seiner Arbeit versunken oder schon halb am Schlafen war.

Nick hob eine Hand und tippte mit den Fingern gegen die kleine Schulterkamera.

„Corky“, flüsterte er so leise, dass es eher wie ein Atemzug klang, „ich glaub, ich bleib an dem Typen dran. Der ist halb am Pennen und checkt mich nicht. Wenn ich Glück hab, bringt der mich auch noch an den nächsten Sicherheitsknoten vorbei.“

Ein paar Sekunden knackte es leise im Ohrstück, dann meldete sich Corky mit gedämpfter Stimme.

„Ich seh ihn“, murmelte er. „Der läuft wie einer, der seit zwölf Stunden übermüdet Excel-Tabellen abarbeitet. Könnte wirklich für uns die Schlüsselfee spielen. Aber wenn der mitten im Gang stehen bleibt und sich umdreht, stehst du direkt in seiner Sichtlinie.“

Nick verzog kaum merklich die Mundwinkel.

„Ich halt Abstand. Keine Sorge.“

Corky sagte eine Weile nichts. Auf dem Schulterfeed sah er Nicks Sicht, gleichförmige Reihen von Serverschränken, Kabelkanäle an der Decke und das getaktete Aufblitzen von Kontrollleuchten. Dann kam seine Stimme wieder, leiser und konzentrierter.

„Okay, hör zu. Wenn er uns wirklich weiter reinführt, schön und gut. Also bleib dran, aber pass auf. Und wenn er stehen bleibt, such sofort Deckung.“

Nick schob sich weiter in den Gang, leicht geduckt, und setzte die Schritte bewusst auf die Streben des Kabelbodens, wo nichts knarzen konnte. Der Mann im Kittel bog rechts ab, durch einen schmaleren Gang, der noch tiefer in das Gebäude führte. An der Wand blinkten weitere Sicherheitspaneele.

Der Kittelträger blieb erneut stehen, tippte auf seinem Tablet herum und öffnete mit einem kurzen Summen ein weiteres Sicherheitstürmodul, das in einen schwach beleuchteten Bereich führte. Nick konnte erkennen, dass dahinter eine Treppe nach unten führte.

„Er geht tiefer“, flüsterte er. „Ich geh mit.“

„Langsam, Nick“, kam es von Corkys Ende. „Wenn du durch die nächste Tür gehst, haben wir endgültig keine Rückkehrroute mehr.“

Nick atmete ruhig aus. „War nie groß mein Ding, deine Rückwege zu benutzen. Ich werde schon ‘nen anderen Weg da raus finden. So wie immer.“

Er setzte sich in Bewegung und huschte durch die schwere Tür, kurz bevor sie wieder zufiel und sich mit einem Zischen verriegelte.

3. Tiefer

Nick hielt kurz inne, als er den Fuß auf die erste Stufe setzte. Der Mann im Kittel war schon ein paar Meter weiter unten und schlurfte schläfrig vor sich hin. Das Geräusch seiner Schritte hallte im engen Treppenhaus nach wie ein Metronom.

Corkys Stimme kam leise über das Headset, kaum mehr als ein Knacken im Ohr.

„Nick ... das hier macht mir keinen Spaß mehr.“

Nick runzelte die Stirn. „Jetzt schon kalte Füße? Der Typ merkt nichts.“

„Darum geht’s nicht“, zischte Corky. „Wir sind längst hinter der letzten eingezeichneten Sicherheitsschleuse. Die Pläne hören oben auf. Das hier ist alles ’ne Nummer zu unsicher. Einfach nicht unsere Gewichtsklasse, Kumpel.“

Nick schlich langsam die Treppenstufen hinab und spähte nach unten. Der Kittelmann bog gerade im unteren Stockwerk ab, schlafwandlerisch wie zuvor.

„Du machst dein Corky-Ding und ich mach mein Nick-Ding, so wie immer“, murmelte Nick. „Bis jetzt läuft doch alles ohne Probleme.“

„Bis jetzt, ja“, gab Corky zurück. „Aber es wird immer unvorhersehbarer. Uns wurde ein kleiner Serverraum versprochen, ein paar Daten, vielleicht ein paar auffällige Laborinstallationen, wie Mrs. Smith so blumig angedeutet hat. Aber das hier ist was anderes. Ich hatte von Anfang an kein gutes Gefühl bei dieser Scheiße und keine Ahnung, was da unten noch auf dich wartet. Du hast bereits zwei Sicherheitstüren passiert, auf die ich keinen Zugriff habe. Und ich weiß nicht, wie ich dich wieder rausbekommen soll, wenn irgendwas schiefgeht.“

Nick atmete langsam durch die Nase ein. Die Luft im Treppenhaus roch nach kaltem Beton und Ozonschlieren aus dem Klimasystem. Er zählte seine Atemzüge, eins, zwei, drei, wie er es im Boxgym gelernt hatte, um die Nerven zu sortieren.

„Okay, Corky ... ganz ruhig. Ich bin jetzt schon drin. Wenn ich umdrehe, war alles umsonst. Und du hast ja selbst gesagt, ich komme durch die Türen alleine nicht mehr raus. Also kann ich genauso gut nach unten gehen und mich ’ne Runde umschauen.“

„Nichts ist umsonst“, knurrte Corky. „Wir haben die dreißig Riesen. Warte oben an der Tür, bis der Aushilfsprofessor wieder hochkommt, schlüpf hinter ihm raus und dann war’s das. Meinetwegen mach noch zwei, drei Fotos, wenn du wieder im ersten Serverraum bist. Saug raus, was du auf die Schnelle kriegst, und wir verschwinden.“

Nick war während seiner kleinen Diskussion mit Corky keinesfalls stehen geblieben. Er sah wieder zu dem Kittelmann hinunter, der sich gerade der nächsten Sicherheitstür näherte.

„Magst recht haben. Aber ich will wissen, was die da unten verstecken.“

„Deine Neugier bringt dich irgendwann um. Das habe ich schon immer gesagt.“

„Vielleicht. Aber heute nicht. Versprochen.“

Ein leises, frustriertes Ausatmen knisterte in Nicks Ohr.

„Verdammt, Nick ... wenn nicht dich selbst, dann bringst du mich noch ins Grab. Okay. Geh hinterher. Aber nur so weit, bis ich dir sage, dass du abbrichst. Und das meine ich ernst.“

„Hm-hm“, brummte Nick zustimmend, während er sich bereits darauf konzentrierte, dem Mann hinterherzuflitzen, sobald dieser die Tür passiert hatte.

„Nein“, korrigierte Corky. „Ich will ein klares Ja.“

Nick schmunzelte kaum merklich. „Ja, Boss.“

Dann duckte er sich ein Stück tiefer, setzte die Füße weich auf und glitt weiter nach unten. Seine Hand ruhte auf dem Geländer, seine Augen auf dem Kittelmann.

Der Mann legte seine Hand auf einen Scanner an der massiven Metalltür. Ein feiner elektronischer Piepton ertönte. Ein bläulicher Strahl wanderte über seine Fingerkuppen. Danach tippte er eine Zahlenfolge ein, langsam und schläfrig genug, dass Nick jedes einzelne Piepen zählen konnte.

Dann kam etwas, womit Nick nicht gerechnet hatte. Ein hauchzarter Laser tastete das Gesicht des Mannes ab und führte einen kompletten Gesichtsabgleich durch.

„Verdammte Scheiße, die nehmen das echt ernst hier“, hauchte Nick lautlos.

„Was?!“, krächzte Corky im Rauschen.

„Nichts ...“ Nick kaute auf seiner Unterlippe. „Ich sag’s dir später.“

Mit einem schweren Rucken entriegelte die Tür. Der Kittelmann schob sie auf und ließ sie langsam wieder zufallen, ohne sich umzudrehen.

Nick wartete zwei Herzschläge lang. Dann sprang er los.

Er erreichte die Tür, bevor sie vollständig eingerastet war, und setzte die Fingerspitzen an den Rahmen. Ein vorsichtiges, präzises Drücken genügte, um sie so weit aufzustoßen, dass er durchschlüpfen konnte.

Sobald sie hinter ihm ins Schloss fiel, verschluckte der Raum alle Geräusche.

„Nick ...? Bist du da?“, kam Corkys Stimme, nun blechern, schwankend und immer wieder vom Rauschen zerschnitten. „Ich hab nur noch Schwarzweiß und Rauschen auf dem Stream ... ich seh so gut wie nichts mehr.“

„Ich hab’s ins nächste Level geschafft“, antwortete Nick leise.

„Fuck, irgendwas blockiert das Signal. Ich versuch das zu fixen ...“, keuchte Corky, der hörbar nervös wurde.

Nick holte tief Luft, um seinen Herzschlag zu beruhigen, und sah sich um. Er stand in einem langen Korridor. Neonstreifen zogen sich flach an der Wand entlang und warfen blasse, grünliche Lichtinseln auf den Boden. Der Kittelmann ging weiter in Richtung des rechten Gangs. Nick folgte ihm in sicherem Abstand und spähte durch den Türrahmen jenes Raumes, in dem der Mann schließlich verschwand.

Es war eine Art Kontrollzentrum. Mindestens zwei Dutzend Arbeitsplätze, jeder mit Monitoren, grafischen Anzeigen und Signalkurven, teilweise ausgeschaltet, teilweise im Stand-by. Die riesige Projektionsfläche an der Vorderwand zeigte ein Sammelsurium aus Datenströmen, Diagrammen und Messwerten, die Nick nicht einmal ansatzweise zuordnen konnte. Merkwürdigerweise liefen auf einigen Screens auch irgendwelche Mittelalterfilme und Naturdokus mit episch anmutenden Landschaften.

„Nerds ...“, dachte Nick stirnrunzelnd. „Haben hier millionenteures Hightech-Equipment und gucken darauf Herr der Ringe und National Geographic. Unglaublich.“

Der Kittelmann ließ sich in einen der Drehstühle sinken, schob sich die Brille zurecht und begann, eintönig einige Werte einzutragen. Sein Kopf wippte leicht, als würde er jeden Moment einschlafen.

Nick hielt kurz inne und ließ seinen Blick durch den Raum wandern. Bis auf zwei Türen, die laut Beschilderung in Toiletten und Waschräume führten, erkannte er keinen weiteren Ausgang. Er holte seine Kamera aus dem Rucksack und machte ein paar Bilder von dem Raum und den Arbeitsplätzen.

„Der ist wirklich eingepennt“, murmelte Nick, als er sah, wie der Kittelmann mit dem Kopf auf dem Pult lag und leise schnarchte.

„Dann verpiss dich da raus“, knisterte Corky. „Nick ... hörst du mich überhaupt vernünftig?!“

„Nur halbwegs.“ Nick setzte sich in Bewegung. „Ich gehe nach links zurück. Vielleicht führt der andere Gang wieder raus.“

„Nick! Das ist doch Blödsinn! Ich hab ein Scheißgefühl bei der Sache!“

„Ich weiß. Aber ich muss doch eh warten, bis der Kittelheini wieder aufwacht. Dann kann ich die Zeit genauso gut nutzen.“

Er wandte sich um, schlüpfte aus dem Sichtfeld des Kontrollraums und schlich zurück bis zur Gabelung. Diesmal nahm er den linken Gang. Als er den Abschnitt betrat, merkte er sofort, dass die Luft anders roch.

Nick blieb stehen und zog den Geruch vorsichtig durch die Nase ein. Es roch irgendwie nach Ozean, oder genauer gesagt nach Algen.

Es erinnerte ihn an Sommertage am Strand von Dungeness, wenn die Sonne die grünbraunen Tangfelder am Ufer zum Dampfen gebracht hatte. Diese Mischung aus salziger Brise, warmem Algentang und dem feinen metallischen Unterton von nassem Stein. Genau so roch es hier unten, nur versetzt mit einer leichten Spur von Ozon.

Nick setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen und folgte dem Gang weiter, während der Geruch nach Wasserpflanzen und Ozongas immer stärker wurde. Das Licht wirkte gedämpfter, als hätte jemand einen grünen Filter über die Neonröhren gelegt. Die Wände erschienen feucht, als stünde irgendwo eine verborgene Quelle, die stetig feinen Dunst in die Luft pumpte.

Nach ein paar Metern tauchte rechts das erste Fenster auf. Nick blieb stehen, presste sich mit dem Rücken an die Wand und riskierte einen vorsichtigen Blick hindurch.

Dahinter lag ein gewaltiger Raum, dessen gegenüberliegende Seite im grünen Dunst verschwamm. Der Blick fiel steil hinunter, und erst nach einigen Sekunden erkannte Nick, dass der gesamte Boden aus einem einzigen Becken bestand. Es erinnerte an ein industrielles Kühlbecken, nur um ein Vielfaches tiefer und breiter. Er schätzte mindestens zwanzig Meter Tiefe, vielleicht mehr. Trotz der Höhe, aus der er hineinsah, konnte er bis auf den Grund blicken, denn der gesamte Raum wurde von einem unruhigen, kaltgrünen Licht erfüllt.

Die Masse darin bewegte sich, allerdings nicht wie Wasser oder eine andere Flüssigkeit. Sie pulsierte, zog sich sanft zusammen und dehnte sich wieder aus, wie ein gigantischer Organismus aus Wackelpudding, der langsam atmete. Der obere Bereich der zähen Flüssigkeit war weitgehend durchsichtig, doch je weiter der Blick nach unten glitt, desto dichter wurde das Material, bis es in der Tiefe eine nahezu undurchdringliche, dunkelgrüne Substanz bildete.

Nick beobachtete, wie kleine Schlieren an der Oberfläche aufstiegen und wieder in der pulsierenden Masse verschwanden. Es erinnerte ihn an Quallen, die unter Wasser schwebten, nur viel massiver, träger und zugleich so lebendig, dass ihm ein kalter Schauer über den Rücken lief.

Er löste sich vom Fenster und ging weiter, wobei ihm auffiel, dass keines der Fenster eine Tür oder einen Zugang zum Beckenraum erkennen ließ. Er sah weder Steg noch Wartungsluke noch Treppe, sondern nur diese glatten Plexiglasscheiben, fest in die Wand eingelassen, als wäre der Raum ausschließlich zum Beobachten gebaut worden, nicht zum Betreten.

An der Decke des gigantischen Beckens hingen Kabelstränge, dick wie Feuerwehrschläuche, die in schweren Metallkupplungen verschwanden. Mehrere Ventilatoren, Lüftungsschächte und Röhrensysteme führten hinein und hinaus, manche beschlagen, andere trocken und vibrierend.

Je weiter Nick den Gang entlangging, desto mehr Fenster folgten, jedes mit demselben Blick in diesen unheimlichen Abgrund. Und mit jedem Schritt spürte er deutlicher, wie sich die Pulsation im Wasser synchron zu etwas anfühlte, was er nicht benennen konnte. Es war, als würde die Masse auf eine entfernte Frequenz reagieren.

Er presste sich dichter an die Wand, um eine bessere Perspektive zu bekommen, doch es blieb dabei. Der Raum war von außen sichtbar, aber völlig abgeschlossen. Er fand keine Tür, keinen Servicegang und keinen Hinweis darauf, wie man dort hineingelangen sollte.

„Corky ... du glaubst nicht, was ich hier sehe ...“, flüsterte er, doch das Einzige, was zurückkam, war ein statisches Rauschen.

„Scheiß drauf“, murmelte Nick, schaltete das Mikro wieder stumm und ging weiter. Das Becken folgte dem Gang als riesiger Schatten unter ihm, begleitet von diesem schwachen, pulsierenden Leuchten, das seine Hände und sein Gesicht fahl wirken ließ.

Am Ende des Gangs zeichnete sich eine schmale Öffnung ab, eine Tür, die nur angelehnt war und sich leicht vom Neonlicht des Korridors abhob. Nick blieb einen Moment davor stehen, hörte in den Raum hinein, vernahm aber nichts außer dem gedämpften Summen der Anlagen und den tiefen, langsamen Vibrationen der Masse im Becken hinter sich.

Er legte die Hand an den Türrahmen und drückte die Öffnung vorsichtig ein Stück weiter auf. Der Raum dahinter war deutlich größer als der Kontrollbereich zuvor, wirkte aber viel leerer, wie ein Lager, das jemand zu einem Labor umgebaut hatte, ohne sich die Mühe zu machen, es wohnlicher oder funktionaler erscheinen zu lassen.

Die Luft war kühler und schwerer.

Ein leiser, maschineller Basslauf vibrierte im Boden, kaum wahrnehmbar, aber spürbar genug, um zu merken, dass irgendwo in diesem Raum leistungsstarke Maschinen liefen.

Nicks Blick blieb an den Objekten hängen, die den Raum dominierten.

Mehrere große, ovale Metallkörper standen in zwei langen Reihen. Sie wirkten wie überdimensionierte Kokons aus gebürstetem Stahl. Als Nick die Kamera hob und die erste Aufnahme machte, dachte er unwillkürlich an Mrs. Smith und daran, wie sie diese sonderbaren Laborinstallationen in ihrem Auftrag erwähnt hatte. Wenn irgendetwas in diesem Gebäude in diese Kategorie fiel, dann standen die Beweise dafür wahrscheinlich genau hier vor ihm.

Die Kapseln waren oval, etwa zwei Meter hoch und drei Meter lang, in einem hellen Metallton, der im grünlichen Licht steril wirkte. Sie standen in zwei Reihen, sechs links, sechs rechts, mit einem breiten Mittelgang dazwischen. Jede von ihnen war an ein Geflecht aus Schläuchen, Leitungen und Armaturen angeschlossen, die sich an der Rückseite wie Adern über die Wand zogen und in einem zentralen Versorgungsknoten verschwanden.

Nick trat näher.

Die meisten Kapseln waren dunkel und vollkommen still, als wären sie außer Betrieb. Doch zwei Kapseln am Ende der rechten Reihe waren anders. Aus ihnen glomm ein schwaches blaugrünes Licht, das sich wie ein langsamer Herzschlag im Raum ausbreitete. Die Anzeigen auf den Kapseln flackerten in regelmäßigen Intervallen auf, Zahlen und Kurven, die Nick nicht einmal im Ansatz verstand.

Bei jedem Schritt, den er nähertrat, wurden die Geräusche deutlicher. Er hörte das sanfte Summen der Pumpen, das leise Klickern der Ventile und das gedämpfte Strömen von Flüssigkeit in den Leitungen.

Er blieb vor der ersten aktiv wirkenden Kapsel stehen und beugte sich vor, wobei sich sein Gesicht im kalten Metall spiegelte.

Innen war nichts klar zu erkennen.

Die Front bestand aus einem halbtransparenten Paneel, das im Inneren nur schemenhafte Bewegungen zeigte. Es waren keine großen Bewegungen, eher ein leichtes Verrutschen von Nebel oder einer Flüssigkeit, die sich an einer inneren Wand entlangzog.

Nick runzelte die Stirn, trat einen Schritt zurück und sah sich im Raum um. Außer den Kapseln gab es nur ein paar kleinere Konsolen, mehrere inaktive Monitore und eine schwere Tür am anderen Ende, die allerdings verriegelt war und kein Fenster besaß.

„Corky ... das musst du irgendwann sehen ...“, murmelte er, obwohl er wusste, dass nur Rauschen und digitale Artefakte zu ihm durchdrangen.

Er strich mit den Fingerspitzen über einen der Schläuche, die aus der Decke kamen, und fühlte die sanfte Vibration einer laufenden Pumpe unter der Gummierung.

Was immer hier unten passierte, hatte nichts mit einem normalen Forschungsprojekt zu tun.

Nick atmete vorsichtig durch die Nase, blieb einen Moment stehen, um seinen Herzschlag zu kontrollieren, und wandte sich dann wieder dem Mittelgang zwischen den Kapseln zu. Als er den Raum weiter durchquerte, fiel sein Blick auf zwei der metallenen Kokons am Ende der Reihe. Sie standen halb offen.

Die Frontverkleidungen waren nach oben gefahren, als würden die Apparaturen auf etwas warten, und im Inneren glänzte eine zähe, milchig grüne Flüssigkeit wie handwarmer Gelatineschlamm. Dünne Tropfen liefen an den Wänden der Kammern herab und sammelten sich am unteren Rand. Zu jeder Kapsel führte eine kleine, klappbare Trittstufe hinauf, offenbar für Wartungspersonal oder für jemanden, der hineinsteigen sollte.

Nick spürte, wie ein feiner Schauer über seinen Rücken kroch, und wollte rasch ein paar Fotos machen, als ein gedämpftes Geräusch durch den Gang drang, aus dem er gekommen war.

Die Geschichte geht weiter

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